„Happy Bicycle Day“ – Eine Radtour im Rausch.

Culture

Der 19. April 1943 gilt als der Tag, an dem die vielleicht spektakulärste Fahrradfahrt der Geschichte stattfand. Denn an diesem Tag erfand der Chemiker Dr. Albert Hoffmann die Psycho-Droge LSD. Den allerersten LSD-Rausch der Geschichte erlebte er höchstpersönlich auf dem Fahrrad, um ihn herum die wunderschönen Schweizer Berge. Seitdem gilt der 19. April auch als der inoffizielle „Bicycle Day“. Florian Kraus (Text) und Darius Zelenkowits (Illustrationen) mit einer unglaublich berauschenden Geschichte!

Irgendetwas stimmt ganz und gar nicht an diesem Freitag, den 16. April 1943, als der Schweizer Chemiker Dr. Albert Hoffmann beschließt, seinen Arbeitsplatz vorzeitig zu verlassen. Eine „merkwürdige Unruhe, verbunden mit einem leichten Schwindelgefühl“ überkommt den ratlosen Forscher. Er begibt sich schnell nach Hause, legt sich – dort angekommen – nieder und versinkt in einen „nicht unangenehmen rauschartigen Zustand, der sich durch eine äußerst angeregte Phantasie kennzeichnete“, wie er seinem Vorgesetzten später berichtet. Was war geschehen? Nun, dazu muss man etwas weiter ausholen!

Hoffmann erforscht seinerzeit beim Basler Pharmakonzern Sandoz den „Mutterkornpilz“: Ein Pilz, der Getreidesorten wie Roggen und Weizen befällt. Mutterkorn gilt als potente Medizin – zum Beispiel für Blutstillungen – ist aber reich an unerwünschten Nebenwirkungen. Und in Überdosierungen tödlich. Durch die Isolierung und künstliche Synthese der Wirkstoffe des Pilzes, will der Konzern Sandoz ein Mittel zur Kreislaufstabilisierung herstellen. Der 37-jährige forscht dazu unter kontrollierten Laborbedingungen am „Lysergsäure-diethylamid“ – ein Beiprodukt des Pilzes, das er künstlich in verschiedenen Derivaten hergestellt und untersucht. 

Von Kontrolle kann an diesem Tag aber plötzlich keine Rede mehr sein: Ununterbrochen drängen „phantastische Bilder“ von lebensechter Qualität mit „intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel“ auf den übermannten Forscher ein. Schnell schwant Hoffmann, dass sein komischer Zustand mit der untersuchten Substanz zusammenhängen könnte. Vermutlich sind Reste der Lysergsäure an seinen weißen Kittel und dann über seine Haut in den Körper gelangt. Eine folgenreiche Unachtsamkeit. Der neugierige Chemiker ahnt, dass er gerade eine ungeheure Entdeckung gemacht hat. Eine Entdeckung die wir heute als LSD kennen.

Drei Tage später will er den unfreiwilligen Selbstversuch deshalb wiederholen und beschließt, die kleinstmögliche Menge zu konsumieren, die seiner geschulten Meinung nach noch irgend eine Wirkung entfalten könnte: 250 µg (Bruchteile eines Tausendstel Gramms). Nichstahnend, dass das – man weiß es aus heutiger Sicht – eine Dosis ist, die unerfahrene Konsumenten ganz schön aus den Socken haut. Die Symptome, die er kurz nach der Einnahme erlebt, sind die gleichen, wie drei Tage zuvor. Allerdings viel tiefergehend. Der Drang, nach Hause zu fahren, meldet sich erneut. Ein Auto ist nicht zu Hand, also schwingt sich Hoffmann mit seiner Assistentin auf sein geliebtes Velo.

Horrortrip mit Happy End

Was folgt, ist die wohl berühmteste Radfahrt der Geschichte. Hoffman berichtet in seinen Notizen: „Alles in meinem Gesicht schwankte und war verzerrt wie in einem gekrümmten Spiegel“. Er hat das Gefühl, mit seinem Rad kein Stück weit weg vom Fleck zu kommen – seine Assistentin bestätigt ihm aber, dass sie durchwegs sehr zügig zu seinem Haus fuhren. Dort angekommen nimmt der Rausch erst einmal bedrohliche Zustände an – bevor er sich später wie eine göttliche Offenbarung anfühlt: „Meine Umgebung hatte sich in beängstigender Weise gewandelt. Alles im Raum dreht sich, und die vertrauten Gegenstände und Möbelstücke nahmen groteske, meist bedrohliche Formen an“. Selbst seine Nachbarin erkennt er kaum wieder: „Das war nicht mehr Frau R., sondern eine bösartige, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze. Aber schlimmer als diese Verwandlungen der Außenwelt ins Groteske waren die Veränderungen, die ich in mir selbst, an meinem inneren Wesen spürte. (..) Ein Dämon war in mich eingedrungen und hatte von meinem Körper, von meinen Sinnen und von meiner Seele Besitz ergriffen. (..) Eine furchtbare Angst, wahnsinnig geworden zu sein, packte mich.“

Bunte Farben und Formen drängen auf ihn ein, Töne von außen werden optisch sichtbar und am nächsten Morgen fühlt sich der Proband pudelwohl.

Später am Abend aber keine Spur mehr von Fratzen und Dämonen: Der Schrecken weicht einem Gefühl von Glück und Dankbarkeit. Bunte Farben und Formen drängen auf ihn ein, Töne von außen werden optisch sichtbar und am nächsten Morgen fühlt sich der Proband pudelwohl. Keine Spur von Kater oder körperlichen Begleiterscheinungen. 

Zunächst ungläubig nehmen Hoffmanns Kollegen den Selbstversuch zur Kenntnis, bald besteht aber kein Zweifel mehr an der sagenhaften Potenz seiner Entdeckung. Die abenteuerliche Fahrradfahrt durch die Basler Randbezirke am 19. April 1943 wird später Anlass für einen inoffiziellen Feiertag: den „Bicycle Day“.

Are You Experienced? – Hippie-Droge LSD

„Mein Sorgenkind“ nannte der Schweizer Chemiker seine Monografie zum Thema dreißig Jahre später: die Substanz, von dessen therapeutischem Potential er Zeit Lebens überzeugt ist. Die Substanz, deren leichtsinniger Konsum als Rauschmittel aber in den 1960er Jahren von den Blumenkindern der Hippe-Generation auf die Spitze getrieben wird. Und somit auch als Medikament in Verruf gerät.

Dass sich das LSD schließlich vor allem in den USA zum Massenphänomen abseits medizinischer Anwendung entwickelt, ist für ihn kein Zufall: Industrialisierung, Technisierung und Verstädterung sind dort weltweit am weitesten vorangeschritten. Viele Menschen sehnen sich nach sinngebenden, quasi-religiösen Erfahrungen in einer entseelten, mechanischen Arbeitswelt. Erlebnisse, die das LSD verspricht: Die weltanschauliche Entwicklung der Hippie-Kultur und ihre Naturverbundenheit ist eng verwoben mit dem LSD und ihren Erfahrungen damit. 

1966 wird das Halluzinogen in den USA schließlich verboten. Der Hype aber ist nicht mehr zu stoppen. Ganze Musikstile berufen sich auf die bewusstseinserweiternden Erfahrungen, die man unter dem Einfluss des Halluzinogens macht – etwa der Psycedelic Rock. Feste wie Woodstock wären nicht die selben gewesen, ohne die weite Verbreitung der potenten Psycho-Droge. Auch in der Mode dieser Tage spiegelt sich der kollektive Trip einer Generation wieder: bunte Farben, kaleidoskopartige Formen und Batik-Muster, wohin das Auge reicht. Ein Look, der bis heute Erinnerungen hervorruft, Revivals erfährt und von Subkulturen dauerhaft adaptiert wurde.

Am einfachsten drückt den Zeitgeist seinerzeit wohl Dr. Timothy Leary aus, mit einem griffigen Slogan, der zugleich als gegenkultureller Imperativ diente: „Turn on, tune in, drop out“. Damit war alles gesagt: Nimm LSD, und dein Leben kann endlich los gehen! Leary war ehemals Wissenschaftler in Havard, avancierte dann aber zu einer Art LSD-Guru, der eine junge Folgschaft um sich scharrte und die Öffentlichkeit mit seinen provokanten Thesen zu Rauschmitteln herausforderte. Solche Kult-ähnlichen Organisationen und Lebensformen waren dem Erfinder Albert Hoffmann aber fremd. Er verurteilte seinen Kollegen Leary für die leichtfertige Propagierung der hochpotenten Droge, deren Gefahren viele noch am eigenen Leib zu spüren bekommen sollten. Später in den 1960er Jahren mehren sich Meldungen über Psychosen, Verbrechen oder gar Selbstmorde unter dem (nicht sachgerechten oder überdosierten) Einfluss der Substanz. LSD wird zum Schmuddelkind!

Aber zurück zum Fahrrad. Oder besser gesagt nicht zurück zum Fahrrad. Denn mit dem Radeln hatten es die naturverbundenen Hippies gar nicht so sehr, wie man es vermuten könnte. Im kulturellen Gedächtnis von Woodstock & Co bleiben vor allem die bunt bemalten VW Käfer und Busse, die wahlweise nach San Francisco oder in den Großraum von New York fuhren. Der VW-Bus ist damals das Gefährt der Stunde, er bietet Platz für die halbe Kommune und dient gleichzeitig als Dach über dem Kopf sowie als Symbol für den Aufbruch in die Welt. Ein Lebensstil, der so aber nur durch Verbrennungsmotoren möglich gemacht wird: Die unvorstellbaren Weiten von Amerika wollen per Bus oder Auto erkundet werden. Nicht auf dem Rad.

Renaissance ab den 90er Jahren

Eine merkliche Renaissance erfährt die psychedelische Droge nach dem Ende der Hippie-Ära erst wieder in den frühen 90er-Jahren wieder, als die Technokultur in Europa aufkommt. Der Begriff des „Bicycle Day“ wird dagegen schon in den frühen 80er-Jahren geprägt – er soll an die Entdeckungsgeschichte des Halluzinogens erinnern und dem Erfinder Albert Hoffmann an eben jenem Jahrestag huldigen. „Acid-Heads“ aus aller Welt greifen sich dann ein Rad und wandeln – oder besser gesagt radeln – auf den Spuren des Erfinders. „Da machen die Fahrrad-Touren wie andere Männer am Männertag“, sagt etwa LSD-Kenner und Psychologe Wulf Mirko Weinreich anlässlich des Jubiläums einem Regionalsender.

Der Stoff bleibt für den legalen Einsatz im Bereich der Medizin oder Wissenschaft aber auf Jahrzehnte fremd. Erst im neuen Jahrtausend werden wieder vermehrt Studien dazu beantragt und auch genehmigt. Heutzutage finden in der ehemaligen Heimat von Hoffmann in Basel etwa Symposien zur Forschung mit Halluzinogenen statt. Ebenfalls unter dem Motto „Bicycle Day“ – Fahrradausflug inklusive. Der Schöpfer selbst starb 2008 infolge eines Herzinfarkt nach einem langen, erfüllten Lebensabend im Alter von 102 Jahren. Seinem Konzern Sandoz – dem er zeitlebens verbunden blieb – brachten seine Erfindungen aber nicht nur Ärger, sondern vermutlich auch einige Milliarden an Umsatz ein: so entwickelte er schließlich noch eine ganze Reihe anderer, heute gebräuchlicher Medikamente – darunter auch das damals eigentlich ersehnte Mittel zur Kreislaufstabilisierung.

Happy Bicycle Day! 

Ok. Zugegebenermaßen: Dieser kleine historische Exkurs zur Entdeckung des LSDs hat mit dem Fahrradfahren, um das es auf madebybike ja primär geht, natürlich nur am Rande zu tun. Neben dem von LSD-Anhängern gefeierten „Bicycle Day“ gibt es seit 2018 ja auch einen offiziellen Weltfahrradtag der UN, am 03. Juni jedes Jahres. Der ist aber genauso prima wie arm an spektakulären Hintergründen.

Wäre Hoffmanns historische Entdeckung auch ohne die Rad-Anekdote so gut erzählbar? Wir glauben nicht. Erst sie begründet den Mythos: Die Fahrradtour vom Sandoz-Fabrikgelände durch die Aussenbezirke von Basel wurde im Laufe der Jahrzehnte zur Legende. Und zum Motiv für unzählige T-Shirts sowie LSD-Löschpapierbögen. Es kann also kein purer Zufall gewesen sein, dass die erste bewusste LSD-Erfahrung der Menschheitsgeschichte auf zwei Reifen erlebt wurde. Glauben wir zumindest.

Hoffmann betonte einmal das Gefühl einer übernatürlichen Fügung beim Entdecken der Substanz. So habe es eher ihn gefunden, als dass er das LSD gefunden hätte. Zu dieser Fügung gehörte es offensichtlich auch, den einsetzenden Rausch auf dem Sattel seines Velos zu erleben – mit den wunderschönen Schweizer Bergen um ihn herum. In dem Sinne: Happy Bicycle Day!